Ordenszeichen Johannisloge Zum FüllhornZum Füllhorn

Das Logenhaus an der St.-Annen-Straße

Vor dem Bezug des heutigen Hauses 1861 hatte die Loge zum Füllhorn fast neunzig Jahre lang an wechselnden Orten in Lübeck gearbeitet. Mit dem Erwerb des Grundstücks an der St.-Annen-Straße begann eine Geschichte, die bis heute andauert: die eines Hauses, das Kriege, eine Bombennacht und eine Zwangsverwaltung überstanden hat — und das heute als gemeinsames Logenhaus von neun Lübecker Logen fortwirkt.

Die Vorgeschichte — von der Lachswehr bis zur Mengstraße

Am 31. Oktober 1772 — wenige Monate nach der ersten Arbeit im Gasthof „Zum großen Christopher" am Kohlmarkt — wurde die junge Loge auf der Lachswehr feierlich eingeweiht. Die Lachswehr blieb für die ersten Jahrzehnte die Heimat der Brüder. 1834 erwarb die Schwesterloge „Zur Weltkugel" das Haus Mengstraße 7 — ein Haus, das ausschließlich der Freimaurerei gewidmet war. Ab dem 5. November 1834 hielt auch das Füllhorn dort als Mieter seine Arbeiten ab. Erst ein Vierteljahrhundert später entschied sich der Bund für ein eigenes Haus.

1806–1813 — die französische Besetzung

Am 6. November 1806 besetzten napoleonische Truppen Lübeck; drei Tage lang wurde die Stadt geplündert. Einquartierungen, Sondersteuern und Zwangsanleihen vernichteten den gerade gewachsenen Wohlstand, die Kontinentalsperre legte den Handel der Hansestadt lahm. Schon im Dezember 1806 nahm die Loge ihre Arbeiten mit Zustimmung des Rates wieder auf — doch von Normalität konnte keine Rede sein: Französische Besucher demonstrierten in den Arbeiten ihre Macht, bis 1812 wurden über vierzig Franzosen, zumeist Militärs, in die Loge aufgenommen. Freimaurer waren sie, wie die Brüder bei jeder Arbeit spürten, nur dem Äußeren nach.

Nach der Einverleibung Lübecks in das französische Kaiserreich 1810 wurde die Bruderschaft wiederholt gedrängt, sich von der Großen Landesloge zu lösen und dem Grand Orient de France anzuschließen. Logenmeister Hermann verstand es, das Verfahren so lange zu verzögern, bis die Frage sich 1813 mit dem Abzug der Franzosen von selbst erledigte. Am 25. Mai 1814 konnte das Stiftungsfest erstmals wieder ohne französische Aufsicht gefeiert werden. In den Wirren dieser Jahre ging auch die Konstitutionsurkunde von 1772 verloren.

Der Erwerb 1861 — ein Haus, vermittelt durch Bruder Bölsche

Den entscheidenden Schritt ermöglichte Bruder Bölsche. Das Grundstück an der St.-Annen-Straße gehörte der Witwe des verstorbenen Hofrats Dr. med. M. L. Leithoff. Bölsche kaufte es ihr für 11.000 Mark ab und bot es der Loge für 9.000 Mark zum Kauf an. Die Differenz von 2.000 Mark stammte aus dem Vermächtnis eines verstorbenen Bruders, das Bölsche in den Erwerb einbrachte — so kam der Loge das Haus durch den letzten Willen eines Bruders verbilligt zugute. Um die Kosten von Ausbau und Einrichtung zu decken, brachten die Brüder anschließend eine eigene Sammlung von rund 5.650 Mark auf, die bis 1871 durch jährliche Auslosung wieder getilgt wurde. Am 4. Dezember 1861 wurde das Haus erstmals festlich bezogen.

Die räumliche Nähe zum Burgtor, zum Heiliggeist-Hospital und zum Kern der Hansestadt war kein Zufall: Die Loge zum Füllhorn verstand sich von Anfang an als eine bürgerliche Bruderschaft im Herzen Lübecks, nicht abseits der Stadt.

1879 — die erste Erweiterung mit der Andreasloge „Caritas"

Schon zwei Jahrzehnte nach Bezug genügte das Haus den Anforderungen nicht mehr. 1879 wurde es erweitert — gemeinsam mit der Andreasloge „Caritas", die sich der Füllhorn-Tradition angeschlossen hatte. Aus dem Wohnhaus wurde ein Logenhaus mit Festsaal, Vorsaal, Speiseräumen und allen Räumen, die für die Arbeiten und das gesellige Leben einer Bruderschaft erforderlich sind.

1914–1918 — Lazarett des Roten Kreuzes

Während des Ersten Weltkriegs stellte die Loge ihr Haus dem Roten Kreuz zur Verfügung. Das Logenhaus wurde Lazarett — ein Vorgriff auf das, was im 20. Jahrhundert noch zur Selbstverständlichkeit der Lübecker Loge werden sollte: das Haus nicht nur als geschützten Rückzugsort der Bruderschaft, sondern als Beitrag zur Stadt zu begreifen.

1933–1935 — Verfolgung, Auflösung, Zwangsverkauf

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete das Logenleben in Deutschland. Die Freimaurerei wurde vom Regime bekämpft und verboten — die Logen gehörten zu den Verfolgten dieser Jahre. Beamten und staatlichen Angestellten wurde in Lübeck schon Ende 1933 erst die Teilnahme an Logenarbeiten, dann die Mitgliedschaft untersagt; im Februar 1934 stellte die Loge ihre Arbeiten ein, wenig später verbot die Gestapo jede Zusammenkunft. Am 19. Juli 1935 fand die erzwungene Auflösungsversammlung statt — sie dauerte zehn Minuten. Logenmeister Johann Hennings schloss sie mit den Worten: „Hiermit lösche ich das Licht der Loge zum Füllhorn, das 163 Jahre den Brüdern segensreich geleuchtet hat."

Das Haus an der St.-Annen-Straße wurde nach zähem Ringen mit der Gestapo an die Stadt Lübeck zwangsverkauft, das gesamte Inventar musste veräußert werden. Freimaurerische Symbole wurden entfernt oder zerstört, die Porträts der Logenmeister vernichtet oder gestohlen, Archiv und Bibliothek nach Berlin verbracht, Möbel und Teppiche von der Gestapo beschlagnahmt. Auf die hölzerne Statue Johannes des Täufers wurden Zielübungen mit Pistolen abgehalten — an ihre Stelle trat 1975 die heutige Skulptur von Otto Flath. Die verbliebenen Brüder wurden diffamiert und überwacht. Manche der damals in die Welt gesetzten Propagandalügen über die Freimaurerei halten sich bis heute — oft ohne dass ihre Verbreiter wissen, wessen Erbe sie weitertragen. Ab 1936 diente das Gebäude als Lübecker Stadtarchiv.

1942 — die Palmarumnacht

In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 — Palmsonntag — zerstörte ein britischer Luftangriff weite Teile der Lübecker Innenstadt. Marienkirche, Petrikirche, das Heiliggeist-Hospital, ganze Straßenzüge der Altstadt brannten aus.

Das Logenhaus an der St.-Annen-Straße überstand die Nacht.

In einer Stadt, in der so viel verloren ging, war das nicht selbstverständlich — auch wenn das Haus zu diesem Zeitpunkt nicht der Loge gehörte. Das Logenhaus der Schwesterloge „Zur Weltkugel" in der Mengstraße fiel dem Bombardement zum Opfer; seit 1947 arbeitet die Weltkugel deshalb in unserem Haus — bis heute. Dass das Haus an der St.-Annen-Straße die Nacht überstand, sollte sich nach dem Krieg als entscheidende Voraussetzung für den Wiederaufbau erweisen.

1945/46 — der Neubeginn

Unmittelbar nach Kriegsende begannen die Brüder mit dem Wiederaufbau: Am 29. Juli 1945 fand die Reaktivierungsfeier im Festsaal statt, doch schon im Dezember folgte ein erneutes Verbot der britischen Militärregierung. Erst am 21. Dezember 1946 durfte wieder regulär gearbeitet werden — die Loge zum Füllhorn war damit die erste reaktivierte Freimaurerloge Deutschlands. Die Genehmigung war an eine Garantie geknüpft: dass der Loge „jetzt und auch künftig nur Mitglieder angehören würden, die die nationalsozialistische Gedankenwelt ablehnen". Diesen Anspruch haben wir bis heute.

1. April 1950 — die Rückgabe

Am 1. April 1950 erhielt die Loge ihr Haus zurück. Das Stadtarchiv der Hansestadt blieb zunächst als Mieter im Haus — erst zum 31. März 1961 endete das Mietverhältnis. In den Akten der Loge wird ausdrücklich die faire Art hervorgehoben, mit der die Behörden der Stadt sich in diesen Jahren zu den Forderungen der Loge stellten.

1961–1962 — die Wiederherstellung

Die eigentliche Wiederherstellung des Festsaals und der Logenräume geht auf die Jahre 1961 und 1962 zurück. Federführend waren die Brüder Dingeldey und Redelstorff. Sie gestalteten den Festsaal in einer Form, die bis heute fortwirkt — einschließlich des gestirnten Himmels über dem Saal, der das ältere Erscheinungsbild der Decke aufnahm.

Wer den Festsaal heute betritt, bewegt sich in Räumen, die in dieser Gestalt seit über sechzig Jahren stehen.

Heute — neun Logen unter einem Dach

Das Logenhaus an der St.-Annen-Straße 2 ist heute Sitz von neun aktiven Logen. Neben den drei Lübecker Johannislogen — Zum Füllhorn, Zur Weltkugel und Zur Weltbruderkette — arbeiten hier Andreaslogen und weitere Bünde der verschiedenen Lehrarten, darunter auch eine gemischte Loge aus Männern und Frauen sowie eine reine Frauenloge. Das Haus wird gemeinsam getragen und gemeinsam erhalten.

Wie selbstverständlich dieses Miteinander gelebt wird, zeigt sich jedes Jahr beim Sommerfest: Dann kommen weit über hundert Freimaurer — Brüder und Schwestern unterschiedlicher Lehrarten und Logen aus ganz Deutschland — im Logenhaus zusammen.

Details des Hauses

Standuhr
Standuhr

Ein Geschenk der Loge zur Weltkugel zum 150. Stiftungsfest 1922. Ihr Erbauer Paul Christian Theodor Behrens (1858–1937) rekonstruierte auch die Uhr der Lübecker Marienkirche. In der Palmarumnacht 1942 wurde die Standuhr zerstört, da sie in St. Marien lagerte; sein Sohn baute sie aus den erhaltenen Resten wieder auf.

Johannes-der-Täufer-Skulptur
Johannes-der-Täufer-Skulptur

Eine Holzskulptur des Bildhauers Otto Flath aus Bad Segeberg, 1975 gespendet. Sie trägt das Leitwort „Metanoeite – Kehre um, ändere Deinen Sinn“. Sie trat an die Stelle einer älteren Johannes-Statue, die 1935 in der NS-Zeit zerstört wurde.

Heinrich-der-Löwe-Figur
Heinrich-der-Löwe-Figur

Die Figur stand von 1873 bis 1934 am Lübecker Marktbrunnen und steht seit 1940 im Logenhaus, an der Treppe.

Liebig-Fenster
Liebig-Fenster

Das ursprüngliche Fenster mit dem knienden Tempelritter wurde in der NS-Zeit zerstört. 1980 stiftete Br. Liebig ein neues Fenster, gestaltet von Br. Ernst Dingeldey und 2005 eingesetzt.

Gelber Saal

Hier hängen die Porträts der Logenmeister; dazu kommen historische Schränke und die Vitrinen der Logen.

Räume mieten — freie Termine ansehen

Festsaal, Gelber Saal und weitere Räume des Logenhauses lassen sich auch für private Feiern und Veranstaltungen anmieten. In unserer Verfügbarkeitsübersicht sehen Sie unverbindlich, welche Räume an welchen Tagen noch frei sind.

Verfügbarkeit ansehen →
Förderverein Logenhaus Lübeck e. V.

Den laufenden Erhalt des Hauses trägt seit 2009 der Förderverein Logenhaus Lübeck e. V. Er sammelt Spenden für Restauration, Modernisierung und langfristige Substanzerhaltung. Wer das Haus unterstützen möchte, findet beim Förderverein die Wege dazu.

foerderverein-logenhaus.de

Eindrücke